Fehlende Ausbildungsreife wegen mangelnder Sozialkompetenzen … eine neue Erscheinung unserer Jugend?

Ein Artikel von Dipl-Sportlehrer Markus Weber

Ist unsere Jugend eine neue Generation? Es ist nicht neu, dass Erwachsene über die verwahrloste Jugend schelten, das prägte doch jedes Jahrhundert. Aber die Aussagen und Schilderungen eines Mitglieds des Prüfungsausschusses der Kreishandwerkerschaft Bonn-Rhein-Sieg wirft ein paar Fragestellungen auf:

„Vielen Jugendlichen gelingt es hervorragend, die Initiative zu ergreifen, sich ein Bild von den Berufen zu verschaffen, die eigenen Interessen und Fähigkeiten zu erfassen, und systematisch auch mit Hilfe des Elternhauses, der Lehrerschaft, der Berufsberater usw. erfolgreich eine Berufsausbildung zu starten, durchzuführen und abzuschließen“.

Diesen zunächst positiven Ausführungen folgte jedoch direkt die große Einschränkung:

„Aber nicht wenigen Jugendlichen gelingt der Berufseinstieg trotz der vielfältigen Informations- und Fördermöglichkeiten nicht. Aus unserer Sicht sind als unmittelbare Ursachen in erster Linie ein fehlender qualifizierter Schulabschluss, Orientierungslosigkeit, fehlender Ehrgeiz, Antriebslosigkeit, Interessenlosigkeit, mangelnde Kommunikation, fehlendes Selbstwertgefühl, fehlende Aufgeschlossenheit oder schlechte Umgangsformen festzustellen … Abbruchursachen sind fehlendes Durchhaltevermögen, mangelhafte Integrationsbereitschaft, falsche Vorstellung vom Beruf oder schlichtweg eine Überforderung.“

Es gibt inzwischen viele Projekte für Berufseinsteiger und Azubis, diesen Erscheinungen entgegenzuwirken. Diese Projekte arbeiten aber nur an Symptomen; es müssen vielmehr die Ursachen dieser psychischen Reifedefizite ergründet werden. Warum fehlen so vielen Jugendlichen jegliche Sozialkompetenzen? Leben sie nur rein lustorientiert, nur im Moment, verschwendet keinen Gedanken an morgen, sind nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, weder für sich noch für andere Menschen, weder in privater Beziehung noch im beruflichen Kontext? Fordern sie wie im Kindesalter stets alles für sich ein und belasten damit den sozialen Frieden? Entsteht hier eine tickende Zeitbombe für unsere ganze Gesellschaft?

Nach Winterhoff und Thielen sorgen Beziehungsstörungen im Kindes- und Jugendalter dafür, dass viele Heranwachsende beim Eintritt ins Berufsleben große Probleme haben, die bei einer gesunden psychischen Reifeentwicklung nicht auftreten würden. Kinder bleiben keine Kinder, sie werden Jugendliche, Jugendliche werden Erwachsene und sie müssen irgendwann ins Arbeitsleben eintreten. Um arbeiten zu können, bedarf es aber vielfältiger psychischer Funktionen, deren Vorhandensein durch die Störungen in der Beziehung zwischen Eltern, Erziehern, Lehrern und Kindern nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann.
Als Kernproblem unserer heutigen Zeit sehen die Autoren den Verlust an Ruhe und entlastender Langsamkeit. Wenn das Problem der mangelnden Ausbildungsreife aus ganzheitlicher Sicht angegangen werden soll, dann müsste nach deren Meinung vor allem die Entwicklung im Kindesalter als Keimzelle für das Erwachsenenleben in den Blick genommen werden; das Verhalten der Eltern in Bezug auf die psychische Entwicklung der Kinder steht dabei für sie im Fokus. Die Eltern sind einem hohen Tempo, das uns die Gesellschaft aufbürdet, ausgesetzt. Und den Beeinflussungen dieses Systems kann man sich nicht komplett entziehen. Diesem hohen Tempo folgt häufig ein zunehmender Sinnverlust, und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Psyche, auf das Verhalten und die Beziehung gegenüber unseren Kindern.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Im idealen Fall kann man „Entschleunigung“ suchen, da mit der Entdeckung der Langsamkeit wieder neue Sinnhorizonte in den Blick treten können. Denn die Suche nach einem Sinn im Leben, nach einem intuitiv als richtig erkannten Verhalten braucht Zeit und Ruhe, genauso wie sie die Begleitung von Kindern erfordert. Beziehungen zwischen Eltern und Kindern geraten immer dann in Gefahr, wenn Hektik und Überforderung auf den Plan treten. Winterhoff und Thielen* resümieren, dass

„eine bewusste Entschleunigung geeignet wäre, Eltern-Kind-Beziehungen stabil zu halten, weil dann das elterliche Verhalten selbst in sich ruht.“

Nun denn, geben wir uns die Zeit und Muse, in unserem Verhalten zu ruhen, einen Sinn für uns zu finden und diese Gabe letztlich an unsere Kinder weiterzugeben. Suchen wir Bewegungsinhalte mit ihnen, um ihre physische und psychische Reifeentwicklung anzustoßen, zu fördern und zu begleiten.

In diesem Sinne grüßt euch das Team der Diagnostikzentren!

 

*Winterhoff, M., Thielen, I.: „Persönlichkeiten statt Tyrannen. Gütersloh 2010.

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Cola und Chips – Junk Food für den Bildschirm

Ein Artikel von Dipl.-Sportlehrer Markus Weber

Macht der Bildschirm unsere Kinder und Jugendlichen dick?

Eigentlich kein Geheimnis mehr und in Studien bereits vielfach belegt, dass zu viel Fernsehen in jedem Alter ungesund ist und sogar die Mortalität, also die Sterberate, erhöht. Und das gilt nicht nur für den Fernseher, sondern für Bildschirme jeder Art, also auch Playstation, PC und das „Zocken“ mit dem Handy.

„Je mehr Grundschüler vor dem Fernseher hocken oder bei Videospielen verbringen, desto dicker sind sie“,

zeigt eine Querschnittstudie in Obesity Resaerch bereits 2004 (12, 896 ff). Eine dänische Studie zeigte 2011, dass die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall bereits ab 2 Stunden Fernsehen erhöht ist. Ungeklärt blieb in der Studie, ob das erhöhe Risiko allein durch das längere Sitzen und stundenlange „chillen“ verursacht wird und/oder ob die Effekte durch das nebenbei noch Essen von Chips, Gummibärchen oder sonstigen Süßigkeiten sowie durch Trinken von Cola und anderen Soft- und Energy-Drinks (mit-)verursacht werden.

Kindern und Jugendlichen ist es häufig einerlei, welche Krankheiten in ferner Zukunft auf sie zukommen werden.

Eine Argumentation mit den kardiovaskulären Risiken des Fernseh- und Chips-Konsums ist hier sicherlich nur wenig zielführend. Nichtsdestotrotz geht es natürlich darum, die Bildschirmzeit auf ein sinnvolles und für das Kind und den Jugendlichen erträgliches Maß zu bringen; und natürlich geht es auch darum, Chips und Cola z.B. gegen gesündere Alternativen wie z.B. Nüsse / Trockenfrüchte und Wasser auszutauschen.

Der Einfluss des Sports auf zwischenmenschliche Kompetenzen des Jugendlichen

Ein Artikel von Dipl.-Sportlehrer Markus Weber

Wird die Persönlichkeitsentwicklung durch sportliche Aktivitäten beeinflusst?

Nutzt der Schul- und Vereinssport oder sportliche Betätigung in der Freizeit ohne institutionelle Bindung dem Heranwachsenden, um nicht nur körperliche Fitness zu erlangen, sondern auch geistige Reife? Dieser Fragestellung ging Prof. Ulrike Burrmann vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der TU Dortmund in einigen wissenschaftlichen Studien nach; dabei verglich sie ihre Arbeiten auch mit anderen Studien.

Grundsätzlich stellen die Befürworter der Sozialisationswirkung des Sports (= die Wirkung des Sports auf die Entwicklung des Jugendlichen zum selbständig und frei handelnden Menschen) fest, dass Aggressionen durch sportliche Aktivität bearbeitet und abgebaut, zudem Regeln erlernt und akzeptiert sowie personale Ressourcen beim Umgang mit Belastungssituationen gestärkt werden.

Daraus folgt, dass sportlich Aktive besser mit Stress und schwierigen Gegebenheiten umgehen können.

Die Skeptiker verweisen darauf, dass in sportlichen Situationen unfaire und aggressive Verhaltensweisen in Erscheinung treten und wohl auch gestützt werden sowie vor allem im Hochleistungssport physische und psychische Belastungen auftreten. Aber gerade letztere wollen wir jetzt außer Acht lassen, es geht hier um freizeitsportliche Aktivitäten von Jugendlichen.

Sygusch und Burrmann zeigen in den Befunden aus Querschnittstudien, dass sportlich aktive Heranwachsende weniger häufig über psychosomatische Beschwerden klagen. Zudem besitzen sie eine höhere Lebensfreude und eine geringere Ausprägung für depressive Verstimmungen. Ein wichtiges Merkmal ist vor allem, dass aktive Jugendliche „positivere Ausprägungen des Selbstkonzeptes“ und „eine ausgeprägtere Selbstwirksamkeitserwartung“ besitzen; letzteres bedeutet, dass der Jugendliche von sich selbst überzeugt ist, dass er in einer bestimmten belastenden Situation eine angemessene Leistung erbringen kann. Und genau dieses Gefühl des Jugendlichen bezüglich seiner Fähigkeiten beeinflusst wiederum seine eigene Wahrnehmung, seine Motivation und seine Leistung auf vielerlei Weise. Das Selbstkonzept umfasst die Wahrnehmung und das Wissen um die eigene Person; dazu gehört für den Jugendlichen das Wissen über persönliche Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle und Verhalten. Ist das nicht eine wertvolle Eigenschaft für einen pubertierenden Teenager?

Auch Manfred von Richthofen bricht eine Lanze zur Persönlichkeitsentwicklung im Vereinssport:

„Wir lernen hier nicht nur, wie man seine körperlichen Kräfte steigern, Geschicklichkeit verbessern und über sich hinauswachsen kann. Wir lernen auch Niederlagen einzustecken, Regeln zu achten und uns für ein gemeinsames Ziel einzusetzen. Freundschaften bilden sich hier heraus, die häufig ein Leben lang halten.“

Der Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung aus 2005 konstatiert zu diesem Thema auf Seite 243: „Dem Sport wird insgesamt eine maßgebliche Bildungswirksamkeit zugesprochen, die zunächst die unmittelbar körperbezogenen Kompetenzen (Körpererfahrung, -ästhetik, -ausdruck), aber auch nicht unmittelbar sportbezogene Kompetenzen im sozialen, politischen und kognitiven Bereich einschließt (Teamfähigkeit, Selbstvertrauen, Selbstorganisation, Verantwortungsfähigkeit).“

Wenn das nicht wertvolle Schlüsselqualifikationen für den Jugendlichen sind, die seine geistige Reife zeigen!

Also los zum Sport – am besten mit Deinen / Euren heranwachsenden Sprösslingen!